| Veranstaltung: | BVV-Wahlprogramm XHain 2026 |
|---|---|
| Antragsteller*in: | Geschäftsführender Ausschuss (dort beschlossen am: 17.03.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 18.03.2026, 22:14 |
A6: Kapitel 5: Arbeitswelt erhalten und Widerstandskraft stärken – Wie Kiezgewerbe unseren Bezirk prägt und wir sicher durch Krisen kommen
Antragstext
Friedrichshain-Kreuzberg lebt von seiner lebendigen Wirtschaftsstruktur:
Handwerk, kleine Läden, Cafés und Restaurants prägen unsere Kieze. Start-ups,
Sozialunternehmen und kreative Betriebe machen den Bezirk attraktiv. Im Gewerbe
zeigt sich auch die Vielfalt unseres Bezirks und bereichert unsere
Nachbarschaften. Doch auch für Betriebe nimmt der Druck spürbar zu. Steigende
Gewerbemieten verdrängen alteingesessene Geschäfte, Bürokratie erschwert
Gründungen und belastet vor allem Kleinunternehmen. Prekäre Arbeitsverhältnisse
nehmen zu. Tourismus bietet für Xhain Chancen und Herausforderungen zugleich –
er belebt die Wirtschaft, kann aber auch lokale Strukturen und Anwohnende
belasten.
Als Bezirk können wir nicht alle wirtschaftlichen Rahmenbedingungen setzen, aber
wir können vor Ort viel bewegen. Wir können lokales Gewerbe beraten, fördern und
schützen, faire Arbeitsbedingungen durchsetzen, Tourismus nachhaltig gestalten
und uns auf Krisen vorbereiten. Wirtschaft ist kein Selbstzweck – sie muss den
Menschen dienen, sozial gerecht und möglichst nachhaltig sein. Eine starke
lokale Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, sorgt für kurze Wege, belebt unsere
Kieze und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe.
Wir stehen für eine Wirtschaftspolitik, die soziale Gerechtigkeit und
ökologische Verantwortung zusammendenkt. Wir wollen eine lokale Wirtschaft, die
gute Arbeit schafft statt prekärer Beschäftigung, die Kieze belebt, statt sie zu
verdrängen, die nachhaltig wirtschaftet, statt Ressourcen zu verschwenden. Das
bedeutet: Wir stärken vor allem kleine und mittlere Betriebe sowie
gemeinwohlorientierte Unternehmen. Wir bekämpfen Ausbeutung am Arbeitsplatz und
schaffen Perspektiven für Menschen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind.
Wir gestalten Tourismus so, dass er lokale Strukturen schützt statt sie zu
gefährden.
Wir lehnen eine Wirtschaftspolitik ab, die nur auf Wachstum, Profitmaximierung
und Großunternehmen setzt. Wir wollen eine Wirtschaft, die dem Gemeinwohl dient.
Das erfordert Mut zur Regulierung auf allen politischen Ebenen: beim
Gewerbemietrecht, bei Arbeitsbedingungen, bei Tourismussteuerung. Und es
erfordert Vorausschau: Wir bereiten unseren Bezirk auf Krisen vor, damit wir
auch in schwierigen Zeiten handlungsfähig bleiben.
Friedrichshain-Kreuzberg ist wirtschaftlich stark, aber die Grundlage dieser
Stärke gerät unter Druck. Für viele kleine Betriebe und Selbstständige steigen
Gewerbemieten und Nebenkosten schneller als Umsätze. Eigentümerwechsel und
Umnutzungen führen dazu, dass Kiezläden, Handwerk und soziale Betriebe ihre
Standorte verlieren. Dazu kommt: In manchen Lagen konkurrieren Gewerbe, Wohnen,
Kultur und Tourismus um die gleichen Flächen.
Gleichzeitig sind viele Arbeitsverhältnisse prekär: Minijobs,
Scheinselbstständigkeit, unsichere Liefer- und Plattformarbeit, fehlende
Mitbestimmung und zu geringe Kontrollen bei Arbeitsschutz und Mindestlohn.
Besonders betroffen sind Menschen ohne starke Verhandlungsmacht, etwa in
Gastronomie, Logistik, Reinigung und Pflege.
Wirtschaftsförderung ausbauen: Wir stellen zusätzliche Ressourcen für die
bezirkliche Wirtschaftsförderung bereit. Gewerbetreibende sollen Beratung zu
nachhaltigem Energie- und Wassermanagement und Unterstützung bei der
ökologischen und digitalen Weiterentwicklung erhalten. Der Zugang zu
Informationen und Fördermöglichkeiten wird gut auffindbar und einfach gestaltet.
Wir schaffen eine Anlaufstelle für nicht-deutschsprachige Unternehmerinnen und
Gründerinnen.
Bürokratie abbauen: Wir führen Praxischecks mit lokalen Gewerbetreibenden zu
Verwaltungsprozessen insbesondere des Gewerbeamts und Jobcenters durch. Ziel ist
der Abbau belastender Bürokratie wie dem mehrfachen Bereitstellen ein und
derselben Information auf Papierformularen. Außerdem forcieren wir die
Optimierung von Prozessen und eine weitestmögliche Digitalisierung. Verwaltung
soll Gewerbetreibende unterstützen, nicht ausbremsen.
Kiezgewerbe vor Mietdruck schützen: Wir setzen uns weiterhin auf Bundesebene für
ein Gewerbemietrecht zum Schutz vor Mietsteigerungen ein – speziell für
Kleingewerbe, Kiezgewerbe und nicht-gewinnorientierte Akteur*innen. Dies ist
Aufgabe des Bundes, aber wir halten den politischen Druck aufrecht und nutzen
bezirkliche Spielräume, wo immer möglich.
Arbeitsrechte schützen: Friedrichshain-Kreuzberg bietet viel Genuss und
kulinarische Abwechslung. Wir wollen, dass diese aber nicht auf dem Rücken
prekär Beschäftigter erkauft werden und sorgen für die strengere Überwachung der
Arbeitsbedingungen, insbesondere von Lieferfahrenden, zum Schutz vor Ausbeutung.
Winterkleidung bei Minusgraden, Zugang zu Toiletten, Zahlung des Mindestlohns
und menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind nicht verhandelbar.
Ausbildung und Übergänge verbessern: Wir schaffen eine bessere Verzahnung von
Ausbildungsprogrammen, Schulen und lokalen Betrieben. Programme zur beruflichen
Qualifizierung Jugendlicher werden gestärkt, die Kooperation von
Jugendberufsagentur, IHK und Unternehmen wollen wir ausbauen. Jobcenter sollen
Weiterbildungen für Digitalisierung, Pflegearbeit und grüne Jobs, die uns den
Ausstieg aus fossilen Energien erlauben, anbieten.
Beratung und Integration in Arbeit stärken: Wir schaffen Beratungsangebote für
Geflüchtete zur Integration in den Arbeitsmarkt sowie für Familien ohne
Erwerbstätige. Sprache, Qualifikation und Arbeitsmarktintegration müssen besser
verzahnt werden. Auf Bundesebene machen wir uns weiter dafür stark, dass
Menschen schnellstmöglich eine Arbeitserlaubnis und Zugang zu Sprachkursen
erhalten, wenn sie das wollen.
Tourismus verträglich gestalten: Wir fördern ein nachhaltiges, sozial- und
umweltverträgliches Tourismusmodell, das lokale Strukturen schützt und
kulturelle Vielfalt wahrt. Tourismus soll unsere Kieze beleben, nicht belasten.
Wir wollen, dass die wirtschaftlichen Vorteile des Tourismus bei den Menschen
vor Ort ankommen und nicht zu Verdrängung führen.
Hotelentwicklung begrenzen: Angesichts niedriger Auslastung lehnen wir weitere
Hotelgroßbauten ab. Statt Quantität brauchen wir Qualität in Form von
Unterkünften, die sich in die Kieze einfügen und lokale Wirtschaftskreisläufe
stärken. Der Zweckentfremdung von Wohnraum für touristische Zwecke stellen wir
uns entschieden entgegen.
Krisenvorsorge stärken: Wir statten bezirkliche Katastrophenschutz-Leuchttürme
und Anlaufstellen finanziell und materiell ausreichend aus. Der Senat muss eine
einheitliche Stellenausstattung und gleiche Qualitätsstandards im
Katastrophenschutz für alle Bezirke ermöglichen. Ob Pandemie, Extremwetter oder
andere Krisen – wir müssen vorbereitet sein.
Krisenfest aufstellen: Wir denken Widerstandskraft bei Wirtschaftsförderung,
Arbeitsmarktpolitik und Tourismusgestaltung mit und achten darauf, dass
Strukturen geschaffen werden, die auch in Krisenzeiten tragfähig bleiben. Lokale
Wirtschaftskreisläufe, diversifizierte Wirtschaftsstrukturen und soziale
Sicherheit sind die beste Krisenvorsorge.